Berlin Inline Marathon 2010 - « weitere events » « Schweizerkarte »

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorheriges Bild Diashow starten oder anhalten Nächstes Bild

 

Bericht zum Berlin Inline-Marathon 2010

Eine arg zusammengestauchte Schweizer Rennsaison verhiess noch mehr Vorfreude, aber auch viel weniger Praxis und dementsprechend mehr Unsicherheit für den krönenden Abschluss des Jahres, den 13. Berliner Inline Skate-Marathon. Am Montag schon begann die rituelle Anrufung des Meteorakels, oft und mit grossem Gusto wiederholte Geschichten des schon legendären, drei Jahre zurückliegenden Regenrennens mit der extra Portion Wind im Hinterkopf. Es sagte Sonnenschein während der Woche, und eine drastische Wetterverschlechterung auf den Samstag hin voraus. Dieser Nervenkitzel (man könnte auch Prügel sagen) sollte uns die nächsten Tage hindurch erhalten bleiben. Der französische Fluglotsenstreik bescherte einigen ein zusätzliches Spannungsmoment.

Ab Donnerstag begann das im Vergleich zum Vorjahr etwas geschrumpfte gelb-schwarze Kontingent in Berlin plan- wie ausserplanmässig einzufliegen und einzurollen. Mein sekundäres Ziel (wer Humor findet ist auf dem rechten Weg), ausgewählte Restaurants der Stadt zu beglücken, konnte Abends mit einem Besuch bei Mey, einem stilvollen türkischen Lukullustempel - so etwas findet man in Berlin - Nähe Savignyplatz beginnen. Ein gastronomischer Hit, wie Markus bezeugen kann, und leckere Dips wie ausgezeichneter Mokka (drei) sind allein schon den S-Bahn-Hupf wert, von den Grilladen ganz zu schweigen.

Noch war es strahlend schön in der Bundesrepublikanischen Hauptstadt, und auch der Freitag, mit einer Exkursion zu den Hackeschen Höfen und deren trendigerem Umschwung (ich habe da noch ein Rendezvous mit hausgemachten Japanischen Nudeln für ein anderes Mal im Programm) bescherte uns Sonnenschein, doch die Vorhersagen für den Samstag... oh je. Wir blieben optimistisch und sogen uns beim ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo man die Startnummern abholt, mit Sonne voll, während Markus schon von seinen Regenrollen schwärmte. Traditionell isst sich der s-i-b Freitags auf australisch satt - und lernt bei mir, wie man einen Hamburger vertilgen sollte (ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass meine pädagogischen Efforts doch noch fruchten könnten!).

Einerseits verheisst ein Regenrennen bessere Gleiteigenschaften bei einem Sturz. Andererseits verheisst ein Regenrennen bessere Gleiteigenschaften beim Abstoss, sowie eine Riesensauerei und umgehende Wartung der geliebten Rennlager. (Es regnete, und meine Lager haben mir die Reinigung und Behandlung mit WD-40 gedankt.)

Nun denn, der langersehnte Samstagmorgen meldete sich tatsächlich mit einem grauen Deckel über der Stadt, und auch Niederschlag setzte sodann bald ein. Ich gestehe, einige Neuronen mit dem Informationsgehalt eines unsportlicheren Tagesprogramms unter der Schädelkalotte beherbergt zu haben - aber nur flüchtig. Also die vier Regenrollen montiert, man ist schliesslich Optimist (ein Mal), und mag zudem die eingeschränkte Manovrierfähigkeit bei voller Bestückung mit acht nicht sehr. Nach Spätstück und etwas Shopping ging ich die paar Meter gen unter den Linden und zum Brandenburger Tor per pedes, und traf dort prompt Rick, seines Zeichens Präsident der Londoner Speedskater... ihm zuzuhören ist immer eine Freude (er besucht dieses Jahr noch den in einschlägigen Kreisen legendären Athens to Atlanta Road Skate in den USA, das sind läppische 87 Meilen oder 140 Kilometer).

Nun denn, endlich die ersten Basilisken getroffen, Skates montiert, und gleich festgestellt, das wird “glatt”. Ich habe mich gezwungen, viele Aufwärmrunden um die Siegessäule (Severin Widmer lässt grüssen) zu drehen, aber ein mulmiges Gefühl blieb. Wider erwarten war ich noch einmal im Startblock C eingeteilt, und drängelte mich auch nicht nach vorne - dazu flösste mir die Nässe zu viel Respekt ein.

So viele passionierte Skater auf einen Haufen sieht man sonst nie, und all die verschiedenen, bunt durchmischten Teams gaben auch heuer ein herrliches Bild ab. Nach dem Start der Elite waren wir dann schnell an der Reihe, und der Start in der Nässe verlief in diesen Breitengraden ohne Hektik; es dauerte wiederum einige Kilometer, bis die Masse sich nennenswert ausdünnte und etwas Konstanz in das kontrollierte Rutschen kam. Manchmal regnete es mehr, manchmal weniger, fast immer jedoch hatte ich grosse Mühe, aus den mit Vorsicht angegangenen Kurven heraus zu beschleunigen. Die Strecke ist lang und ich ungeduldig, also liess ich mich immer wieder auf lange Überhohlmanöver ein, traf letztlich aber doch stets auf einige alte Bekannte - es ist schon lustig, wie man sich für eineinhalb Stunden eine Wahlverwandtschaft aufbaut.

Hatte ich in der ersten Rennhälfte dank meinen Überzügen wenigstens trockene Füsse, änderte sich das relativ plötzlich. Und die schwierigste Kurve, das berüchtigte “S” um eine Kirche, ging für mich “glatt” - ich hatte zwar Mut gefasst und Schwung, aber gerade dort war es sehr rutschig, und so liess ich mich stoisch (und mit Ingrimm) nach aussen tragen meinem Schicksal entgegen. Dieses war einmal gnädig gestimmt und brachte mir einen schönen Vorsprung ein, aber solo bringt das nichts. Was jedoch allen viel gebracht hat war die wunderbare Unterstützung durch das Publikum, auf das man wirklich die ganze Strecke über zählen konnte - gerade bei einem Regenrennen eine enorme Motivation!

Über viele lange Geraden hinweg sauste der Tross durch Berlin, und sehr langsam kam das Ziel näher und wurden die Gruppen zusehends einsamer. Die ganze Sache machte mir inzwischen auch zunehmend Spass, selbst wenn die Brille manchmal so nass wurde, dass sie die Sicht behinderte. Wieder hielt es mich nicht, und ein langer Angriff hätte mit viel nutzlos verpuffter Energue geendet, wenn mich ein freundlicher Mitstreiter in Weiss-Schwarz nicht vor sich in den Zug gewunken hätte (Danke!). Eine letzte Minute Pause, und ab die Post... die finalen Kilometer sauste ich mit sicher gut sichbarem Gusto an Trains wie Einzelskatern vorbei und fühlte mich nachgerade euphorisch, zumal die acht Rollen wohl durch den harmonisierenden Abrieb nun besser griffen.

Die Einfahrt ins Ziel beim Brandenburger Tor, begleitet von viel jubelndem Publikum, war schon fast ein Kontrapunkt... nur der Regen blieb ein steter Begleiter. Vor wie nach dem Rennen sorgte die gute Organisation für Gelassenheit, was die nicht unwesentlichen Marginalien einer solchen Riesenveranstaltung angeht. Der Abend verlief dann wie gehabt (nach einer sehr langen Dusche und der unumgänglichen Kugellagertiefenpflege). Essen beim Potsdamer Platz mit der s-i-b Horde, anschliessend Skater-Party, und ein bisschen Schlaf vor dem Heimflug. See you next year in Berlin.

Bericht Sean Wagner / 5.Okt.2010