SIC Engadin
Unser erster Inline-Marathon im Engadin
Roland und ich sind seit Januar 2009 Mitglied bei den Basilisken. Es macht uns grossen Spass, die Geheimnisse des Inlinens zu erfahren und auszuprobieren, und wir geniessen die lockere, sehr freundliche und offene Atmosphäre im Team. Eines Abends sind wir alle zusammen Pizza essen gegangen bei einem unserer Sponsoren. Und genau bei diesem Essen haben wir uns überreden lassen, im Engadin mit zu fahren. Annette, Patrick, Marco, Jean und Brigitte erzählten ganz begeistert davon. Wir hatten grosse Zweifel ob wir das schaffen würden, aber es hiess, dass es immer Berg ab geht und dass es gut machbar sei. Also haben wir uns überreden lassen und uns gleich ein paar Tage bei Jan angemeldet. Aber das mulmige Gefühl im Bauch blieb. Was habe ich mir da bloss eingebrockt?? Ein Marathon - 42 km auf den Skates - bin ich noch ganz normal??? Hilfe!!! Mit gemischten Gefühlen fieberten wir diesem Wochenende Ende Juni entgegen. Wir versuchten,bei möglichst vielen Trainings dabei zu sein, was sehr schwierig war, weil die "Art Basel" vor der Türe stand und diese immer mit vielen Überstunden lockt. Wir versuchten uns vorher auch bei einem Halbmarathon um den Sempacher See herum, was erstaunlich gut gelaufen ist. Das gab uns wieder etwas Mut für die grosse Herausforderung. Trotzdem hatte ich einen riesigen Respekt vor der Distanz, was ihr Profis sicherlich nicht mehr nachvollziehen könnt.
Mit gemischten Gefühlen sind wir also ins Engadin gefahren. Das Wetter spielte nicht so mit wie es sollte, und die Kondition war nicht mal in der Nähe von dem, was wir uns vorgenommen hatten. Naja. Wenigstens waren wir nicht alleine. Aber die unterschiedlichen Geschichten über die Strecke waren teils ermutigend und teils beängstigend. Kaum dort angekommen und Abend gegessen, mussten wir mit Annette ziemlich schnell losfahren und "die Abfahrt" besichtigen. Sah gar nicht so bedrohlich aus. Danach schauten wir uns noch den heftigen "Aufstieg" an - der war eher zum Schlucken. Vor der Geschwindigkeit hatte ich nicht mal so grosse Panik, sondern davor, dass ich die 42 km nicht durchstehe. Ich war so müde und ausgelaugt von der "Art Basel" her, dass ich mir gar nichts zutraute.
Am nächsten Morgen hing der Himmer voller Geigen. Wir hatten die Befürchtung, dass es regnen würde. Trotzdem sind wir ins Dorf gegangen, um uns anzumelden. Wir haben gesagt, dass wir es auf jeden Fall versuchen werden. Unser Ehrgeiz war erweckt, und wir wollten es unbedingt schaffen. Also schnell anmelden, bevor wir es uns anders überlegen ..... Einmal angemeldet, wuchs die Nervosität ständig an. Noch so viele Stunden bis zum Start. Wir verbrachten die Zeit mit Einkaufen und unsere neuen Rollen montieren. Uns wurde empfohlen, auf Intermediates zu fahren. D.h. 2 Renn- und zwei Regenrollen. So wurden unsere Skates also montiert und der Rucksack gepackt. Um 14.30 Uhr nahmen wir den Bus nach Maloya. Oben angekommen war es extrem bewölkt, sehr windig und kalt. Und wir mussten noch über 2h warten bis der Startschuss fiel. Diese Zeit verbrachten wir in der Beiz mit den anderen Sportskameraden. Jeder war mit sich selber beschäftigt, montierte noch Rollen oder futterte Bananen usw. Als es Zeit war, sich parat zu machen und das Gepäck abzugeben, wuchs die Nervosität noch weiter an. Da wir beim Fitness Breitensport mitfuhren, mussten wir noch länger warten, als unsere Profis. Das war ein bisschen mühsam - vor allem, weil wir das Gepäck so früh abgeben mussten. Wir haben also unsere Socken beklebt mit unserem Klebestreifen, damit wir trockenen Fusses noch umherstapfen konnten. Das sah lustig aus.
Ui, jetzt war es gleich Zeit für den ersten Start. Schnell die Skates anziehen und los. Wir wollten das nicht verpassen. Wir stellten uns direkt neben den Startblock und konnten alles wunderbar sehen - und hören..... Wie war das - die Profiskater, kein Gramm Fett am Körper, sie bestehen nur aus Kraft und Muskeln :-)) Also der Sprecher war schon etwas seltsam.
Peng, der Startschuss viel, und die Profis brausten los. Sehr interessant, die verschiedenen Startmöglichkeiten zu sehen. Einige rannten auf ihren Skates davon, andere quetschten sich mit den Ellenbogen nach vorne und wieder andere standen ganz am Ende und beobachteten zuerst alles und fuhren dann erst los. Sie rollten das Feld von hinten auf. Dann war sie weg, die Gruppe der Speedler. Gleich danach kam die Gruppe der Fitnessler. Auch hier konntenn wir die verschiedensten Starttechniken beobachten. Sehr spannend! Danach fuhren wir uns etwas ein, um warm zu werden und stellten uns in den grossen Startblock. Wir genossen die grandiose Moderation des Sprechers ..... und die Nervosität verflog langsam. Die Lust auf den Marathon wuchs an, und wir waren ganz heiss auf ein spannendes, schnelles und vor allem schönes Rennen. Alle Zweifel und Fragen "was mach ich hier eigentlich" waren wie weggeblasen, und wir konnten uns von der grossen Gruppenbegeisterung mitreissen und inspirieren lassen. Und dann plötzlich ging es los. Ich hab das irgendwie gar nicht mitbekommen. Auf einmal sagte Roland zu mir, dass es los geht und ich aufpassen soll, dass ich nicht gleich stürze. Also los gehts!!!
Wir wendeten keine besondere Starttechnik an, sondern fuhren einfach los - fast wie im Training, nur etwas schneller. Wir hatten Glück, dass wir nicht zu weit hinten standen. Wir kamen gut los und genossen gleich die erste leichte Abfahrt. Für mich war es allerdings schwierig, das Tempo einzuschätzen. Wie schnell konnte ich fahren, um die Distanz durchzuhalten. Sollte ich eher langsamer fahren oder gleich los zischen? Inmitten meiner Überlegungen zischte Barbara an uns durch. Also, nix wie hinterher. Aber leider konnte ich ihr Tempo nicht sehr lange mithalten, denn ich hatte zu sehr Angst, dass meine Kraft dann nicht ausreicht. Also fuhr ich mein Tempo und es gesellten sich uns einige an. Plötzlich gab es vor uns einen Sturz. 8-tung, bloss nicht mitreissen lassen. Wir konnten gut ausweichen und weiter fahren. Es war so eine schöne Fahrt, bis wir ca. 15 km später durch St. Moritz gefahren sind. Die Landschaft war atemberaubend, und das Wetter war sehr angenehm und trocken. Wahrscheinlich hätten wir etwas schneller fahren sollen. Unser Ziel war es, die 42 km in 1.30 zu fahren. Aber es war so schön hier und hat so grossen Spass gemacht. Die Zuschauer am Strassenrand, die einem zugerufen haben. Die Kids, die wollten, dass man sie abklatscht, die Landschaft, die gerufen hat: schaut her, wie schön ich bin. Es war einfach traumhaft. Trotz allem hatte ich das Gefühl, dass wir gut unterwegs waren, uns hat gross niemand überholt und wir haben jede Sekunde genossen. Nach der Durchfahrt von St. Moritz näherten wir uns der steilen Abfahrt. Wir hatten uns vorgenommen, den Bremsteppich zu benutzen, um auf der sicheren Seite zu sein. Wir waren also grad dabei, uns seelisch und moralisch auf die Abfahrt vorzubereiten, da hörten wir unsere Namen. Annette stand am Strassenrand und machte Fotos von uns. Wir winkten ihr zu und fuhren auf den Teppich. Und stellt euch vor, in der Hälfte der Abfahrt war jemand, der direkt in der Mitte des Teppichs fuhr, sich total breit machte und auch noch bremste - hiiiilffffeeee!!! Ich schrie ihn an, er solle Platz machen, denn wir mussten ihn doch irgendwie überholen. Was für ein Schock, Aber er hat gespurt und ging auf die Seite und hörte auf zu bremsen. Wir konnten an ihm durchfahren und nix ist passiert. Nach dem Bremsteppich legten wir noch an Geschwindigkeit zu, und es war herrlich, den Wind um die Ohren zu spüren und die Geschwindigkeit zu geniessen. Wir haben einen "fuffi" drauf gehabt. Danach war es vorbei mit der Erholung, wir mussten uns dem Aufstieg stellen. Roland und ich waren alleine, keine Gruppe mehr, und wir traten den Kampf an. Es ging hoch und hoch und hoch. Plötzlich stand Markus mitten in der Strasse und fotografierte uns, wie wir mit hochroten Köpfen und total erschöft den Berg hinauf schnauften. Achtung, versuchen wir, eine möglichst gute Figur abzugeben :-))) Zähne zusammen beissen und weiter machen. Wir schnaufen also den Berg hoch und geben alles, was wir können. Es ist ja gar nicht schlimm, dass wir so viele Skater sehen, die uns entgegen kommen und den Berg herunter fahren ...... Also, weiter und weiter. Können wir eigentlich umdrehen mitten im Berg?? Merkt das jemand?? Wird oben am Wendepunkt die Zeit genommen? Schnell weg mit diesen Gedanken. Wir wollen doch schliesslich den ganzen Marathon schaffen!!
Endich oben angekommen nehmen wir die sauenge Kurve und zielen geradewegs bergab. Ach, wie tut das gut. Einfach laufen lassen - nach der ganzen Anstrengung. Hier kann uns Markus mit einem Lächeln im Gesicht knipsen :-))
Plötzlcih werden wir schneller und schneller. Mann, diese Abfahrt ist ja auch nicht ohne. Es gestellt sich eine dritte Person zu uns, und wir nehmen noch mehr Speed zu. Und plötzlich überholt uns eine andere 3-er Gruppe. Schnell, schnell, wir schliessen uns denen an..... und los gehts. Es wird schneller und schneller und wir brausen um den Kreisverkehr herum. Ich liebe diese Geschwindigkeit - macht riesen Spass - aber ja nicht aus der Gruppe lösen oder gar bremsen. Das könnte sehr gefährlich werden. Wir bleiben also hinter diesen 3 Typen und bilden eine 6-er Gruppe. Nur habe ich jetzt ein Problem. Diese Gruppe ist einfach zu langsam!! Aber der Gegenwind ist so stark, dass ein Überholen sehr anstrengend und risky wäre. Also bleibe ich halt hinten dran. Wir brausen gemütlich dahin und stellen uns gemeinsam dem Gegenwind. Aber als es zum Führungstausch kommt, machen das die 3 Herren vorne unter sich aus, und lassen uns aussen vor. Komisch. Aber auch ok, dann fahren wir halt weiterhin in ihrem Windschatten hinterher. Wir geniessen wieder die Fahrt, die teilweise einfach zu langsam ist, aber teilweise wieder sehr zügig. Kommt immer darauf an, welcher der 3 Herren gerade führt. Wir düsen Kilometer für Kilometer und geniessen es einfach. Wir haben unseren müden Punkt längst überwunden, haben irgendwo her wieder viel Kraft gefunden und können so richtig loslegen. wir haben ein GPS und wissen genau, wie viele Kilometer noch vor uns liegen. Allerdings wissen wir nicht, wie viele "Hochs und Runters" es noch gibt. Aber es hält sich in Grenzen, und der Gegenwind ist schon sehr stark und anstrengend. Unsere 6-er Gruppe zieht das Tempo deutlich an, und wir können wirklich einige andere Gruppen überholen. Das war ein sehr schönes Gefühl, noch mit so viel Kraft und Energie an den anderen vorbeifahren zu können. Wir wunderten uns immer wieder, dass es so wenige Stürze gab - und dann sahen wir ihn!! Einer lag am Boden, der ganze Kopf eingebunden und voller Blut. Ohhh jehhh, der Arme. Den hatte es bös erwischt. Was war da wohl passiert?? Schnell weiter - und nicht zu sehr daran denken...
Weiter durch ein niedliches Dörfchen, über eine Behelfsbrücke - dann ging es nicht mehr lange, und das Ziel war in Sicht. Unglaublich. Wir haben das Ziel gesehen. Ich konnte es nicht fassen!! Das Ziel - nur noch ein paar Kilometer und wir haben es geschafft. Jetzt legten wir nochmals im Tempo zu. Roland sagte uns immer, wie weit es noch ist und konnte uns immer wieder motivieren, noch mehr Gas zu geben und weiter zu machen. Einfach klasse!! So konnten wir gut unsere Kraft einteilen. Und ich kämpfte immer wieder mit der zu langsamen Gruppe ... wollte immer wieder an ihnen vorbei und konnte nicht, oder traute mich nicht ..... und dann, 3 km vor dem Ziel. Ich war nicht mehr zu bremsen. ich sammelte all meine Kraft und meinen Mut, gab Roland Zeichen, dass ich jetzt überholen wollte und dass er mitziehen soll, und dass ich jetzt nochmals alles geben möchte. Und los!!!! Ca. 2 km vor dem Ziel scherte ich aus und habe angegriffen. Aber ob das so eine gute Idee war ???? Der Gegenwind war unglaublich, und der "Schlussanstieg" war mega anstrengend. Schaff ich das?? Was hab ich mir da bloss eingebrockt?? Mann, ist das anstrengend!! Aber Roland und der andere Typ waren mir dicht auf den Fersen und haben immer angespornt. Los, los, los. Und mein Ehrgeiz lies es einfach nicht zu, dass ich aufgab. Ich musste diesen Schlussspurt hinlegen und schaffen. Weiter, weiter, weiter. Mein Gott, wie lange können denn 2 km noch sein???? Und dann - endlich habe ich es geschafft. Der Zieleinlauf. Und das Blöde war, dass ich gar nicht genau wusste, wo ich aufhören muss mit schnell fahren :-))) Wo wird denn die Zeit gemessen, wo kann ich aufhören?? Irgendwann bei den Rivellaständen habe ich dann schliesslich langsam gemacht. Hier kann man sich wohl erholen und was Trinken. Also keine Zeit mehr. Puh, endlcih geschafft. Wir stürzen uns über das Rivella her, der Durst ist schnell gelöscht. Wir haben uns noch bei unserem "Team" bedankt und kurz die Erlebnisse ausgetauscht. Und dann kam das Realisieren:
Ich kann es kaum fassen!! Wir haben tatsächlich 42 km geschafft. Unglaublich. Wir sind total glücklich und ausser Atem. Wir haben es geschafft. Juhu. Unseren ersten Marathon!! Was für ein Glücksgefühl!!!
Es werden sicher noch weitere folgen!!!
Und wie lange haben wir gebraucht? Das ist jetzt noch die spannende Frage. Haben wir unser Ziel von 1.30 erreicht???
Nein, leider nicht. Wir haben es um 6 Minuten verfehlt. Unsere Zeit war 1.36. Das war ein bisschen enttäuschend und wir schieben die Schud natürlich dem Gegenwind zu :-)) Nächstes Jahr schaffen wir es in 1.29 .......
So, keine Ahnung wie lange das jetzt ist. Wahrscheinlich zu lange - wenn ich mal schreib, dann schreib ich. Mach was du möchtest damit. Es hat Spass gemacht zu schreiben, konnte mich wieder an das schöne Erlebnis zurück erinnern.
Liebe Grüsse aus Spanien und bis bald
nicola
Nicola Bürkle |